Akustikvorhang im Büro: was er dämpft – und was nicht
Ein Akustikvorhang ist die einzige Akustikmaßnahme, die man abends wieder aufziehen kann. Genau deshalb wird er oft an Stellen eingesetzt, an denen er nicht wirken kann. Diese Seite ordnet, was ein Vorhang akustisch leistet, welche drei Kennzahlen darüber entscheiden – und wo eine Wand oder eine Kabine die ehrlichere Lösung ist.
Absorbieren oder dämmen: ein Vorhang kann nur eines
Ein Vorhang absorbiert Schall im Raum – er verkürzt die Nachhallzeit und nimmt Reflexionen von harten Flächen weg. Was er nicht kann, ist dämmen: Er hält keinen Schall davon ab, in den Nachbarraum zu gelangen. Schalldämmung entsteht aus Masse und dichten Anschlüssen; ein Textil hat weder das eine noch das andere in ausreichendem Maß. Die im Handel verbreitete Bezeichnung „Schallschutzvorhang" ist deshalb missverständlich. Wer einen Raum akustisch von seinem Nachbarn trennen muss, braucht eine Wand oder eine Kabine – wer den eigenen Raum ruhiger machen will, kann mit einem Vorhang sehr wohl arbeiten.
Der Vorteil des Vorhangs liegt genau in dem, was ihn als Dämmung disqualifiziert – er ist beweglich. Er lässt sich vor eine Glasfassade ziehen, die als große harte Reflexionsfläche wirkt, und wieder öffnen, wenn Tageslicht wichtiger ist. Diese Doppelnutzung ist der eigentliche Anwendungsfall im Büro. Eine Einordnung aller Wirkebenen finden Sie unter Akustiklösungen und in der Übersicht Büroschalldämmung.
Die drei Kennzahlen, die über die Wirkung entscheiden
Bei Akustikvorhängen wird viel über Optik und wenig über Zahlen gesprochen. Drei Größen bestimmen das Ergebnis: das Flächengewicht des Stoffs, der bewertete Schallabsorptionsgrad αw und der Abstand zur dahinterliegenden Wand.
| Kennzahl | Was sie bedeutet | Worauf zu achten ist |
|---|---|---|
| Flächengewicht (g/m²) | Masse des Stoffs pro Quadratmeter. Mehr Masse und mehr Faservolumen bedeuten mehr innere Reibung – und damit mehr in Wärme umgewandelte Schallenergie. | Übliche Dekostoffe liegen im Bereich von etwa 100 bis 200 g/m² und sind akustisch nahezu wirkungslos. Akustisch wirksame Textilien beginnen deutlich darüber und sind häufig mehrlagig aufgebaut. |
| αw (bewerteter Schallabsorptionsgrad) | Wie viel des auftreffenden Schalls nicht zurückgeworfen wird, 0 bis 1. Klassifiziert nach DIN EN ISO 11654 in die Klassen A bis E. | Nur mit Angabe des Prüfaufbaus vergleichbar – insbesondere mit welchem Wandabstand und welcher Mehrweite gemessen wurde. Ohne diese Angaben ist ein αw-Wert nicht belastbar. |
| Wandabstand | Der Abstand zwischen Vorhang und dahinterliegender harter Fläche. | Der am meisten unterschätzte Faktor. Siehe nächster Abschnitt. |
Die Angaben zum Flächengewicht sind öffentlich einsehbare Marktbeobachtungen, Stand August 2026, keine Produktzusage. Konkrete Werte gehören in das Datenblatt des jeweiligen Textils. Die Absorberklassen nach DIN EN ISO 11654 sind im Ratgeber Akustikpaneele im Büro ausführlich erklärt.
Warum der Wandabstand über die Tiefenwirkung entscheidet
Ein Vorhang direkt an der Wand wirkt schlechter als derselbe Vorhang mit Abstand davor – und der Unterschied betrifft ausgerechnet die Frequenzen, die im Büro stören. Der Grund ist physikalisch: Unmittelbar an einer harten Wand ist die Schallschnelle nahezu null, im Abstand eines Viertels der Wellenlänge ist sie am größten. Ein poröser Absorber arbeitet über Reibung und braucht deshalb Luftbewegung, um überhaupt etwas umzuwandeln. Er sollte also dort hängen, wo sich die Luft bewegt.
Daraus lässt sich der wirksame Abstand direkt ausrechnen. Bei einer Schallgeschwindigkeit von rund 343 m/s ergibt sich:
| Frequenz | Wellenlänge | Viertel der Wellenlänge = wirksamer Wandabstand |
|---|---|---|
| 125 Hz | 2,74 m | 69 cm |
| 250 Hz | 1,37 m | 34 cm |
| 500 Hz | 0,69 m | 17 cm |
| 1.000 Hz | 0,34 m | 9 cm |
| 2.000 Hz | 0,17 m | 4 cm |
Die Konsequenz für die Praxis: Ein Vorhang auf einer Schiene 5 cm vor der Wand arbeitet im Bereich um 2.000 Hz gut und fällt zu den mittleren Frequenzen hin ab – dort, wo Sprache ihre Hauptenergie hat. Erst ein Abstand in der Größenordnung von 15 bis 20 cm bringt den Bereich um 500 Hz mit. Wo Sprachverständlichkeit das Problem ist, ist die Montageposition also keine Frage der Optik, sondern die zentrale Auslegungsentscheidung. Vor einer Glasfassade ist dieser Abstand ohnehin meist gegeben, vor einer geschlossenen Wand fast nie.
Diese Rechnung gilt für den porösen Absorber. Sie ersetzt keine Messung, aber sie erklärt zuverlässig, warum zwei optisch identische Vorhänge sehr unterschiedlich wirken können. Die Grundlagen zu Nachhallzeit und Sprachverständlichkeit stehen im Schallschutz-Ratgeber.
Faltenwurf und Mehrweite: dieselbe Stoffbahn, doppelte Wirkung
Ein glatt gespannter Vorhang und derselbe Stoff in Falten sind akustisch nicht dasselbe. Die Mehrweite – das Verhältnis von abgewickelter Stoffbreite zu tatsächlich verhängter Breite – erhöht sowohl die wirksame Oberfläche als auch die Zahl der Luftvolumina zwischen den Falten. Im Handel üblich sind Angaben zwischen einfacher Mehrweite (glatt) und dreifacher Mehrweite. Ein akustisch ausgelegter Vorhang wird in der Regel nicht glatt gehängt.
Der praktische Punkt für die Ausschreibung: αw-Werte sind nur mit der Mehrweite vergleichbar, mit der sie gemessen wurden. Ein Datenblattwert bei dreifacher Mehrweite lässt sich nicht auf eine glatt gespannte Ausführung übertragen. Wird die Mehrweite im Angebot nicht genannt, ist der Absorptionswert nicht überprüfbar.
Wann der Vorhang die richtige Lösung ist – und wann nicht
| Situation | Vorhang geeignet? | Bessere Lösung |
|---|---|---|
| Große Glasfassade als Reflexionsfläche im Besprechungsraum | Ja – das ist der klassische Fall, weil Abstand und Fläche vorhanden sind | – |
| Nachhall im Open Space allgemein | Nur ergänzend, weil die Deckenfläche die größere zusammenhängende Fläche ist | Deckenabsorber, siehe Akustikpaneele |
| Gespräche sollen nicht in den Nachbarraum dringen | Nein – ein Vorhang dämmt nicht | Systemtrennwand mit definiertem Rw |
| Vertrauliche Gespräche, Personalgespräch, Telefonat | Nein | Akustikkabine oder geschlossener Raum |
| Flexible Zonierung, die täglich verändert wird | Ja, für Sicht und Nachhall – nicht für Schalldämmung | Mobile Trennwand, wenn Dämmung nötig ist – siehe Raumteiler im Büro |
| Raum wird temporär unterschiedlich genutzt (Schulung, Empfang) | Ja | – |
Die Zeile, die in Beratungsgesprächen am häufigsten für Enttäuschung sorgt, ist die dritte. Ein Vorhang, der ein Gespräch für den Nachbarraum unhörbar macht, existiert nicht.
Brandschutz und Fluchtwege: der Punkt, an dem Vorhänge scheitern
Textilien im Objektbereich unterliegen Anforderungen an das Brandverhalten. Gefordert wird üblicherweise mindestens schwer entflammbar nach DIN 4102-1 (Klasse B1) beziehungsweise die entsprechende Euroklasse nach DIN EN 13501-1. Welche Klasse im konkreten Objekt verbindlich ist, legt das Brandschutzkonzept fest, nicht der Lieferant – bei Versammlungsstätten und in Rettungswegen gelten regelmäßig strengere Anforderungen.
Zweiter Punkt, der in der Planung häufig übersehen wird: Ein Vorhang darf einen Rettungsweg nicht einengen und keine Tür in Fluchtrichtung behindern. Bodenlange Vorhänge vor Fluchttüren oder quer über Verkehrsflächen sind ein regelmäßiger Abnahmemangel. Grundlagen dazu im Brandschutz-Ratgeber.
Dritter Punkt: Der Nachweis der Brandklasse ist an die Ausrüstung gebunden. Bei nicht dauerhaft ausgerüsteten Textilien kann eine Wäsche die Klassifizierung aufheben. Das gehört vor der Beschaffung geklärt, nicht danach.
Reinigung, Lebensdauer und Hygiene
Ein Vorhang ist die einzige Akustikmaßnahme, die man waschen kann – und die einzige, die man waschen muss. Er nimmt Staub auf, im Bürobetrieb außerdem Gerüche. Für die Beschaffung sind drei Punkte relevant: ob das Textil dauerhaft flammhemmend ausgerüstet ist oder nur bis zur ersten Wäsche, ob es waschbar oder ausschließlich chemisch zu reinigen ist, und ob der Faltenwurf nach der Reinigung erhalten bleibt. Ein Vorhang, der nach der ersten Wäsche glatt hängt, hat einen Teil seiner Absorptionsfläche verloren.
Zum Vergleich der Größenordnung: Ein fest montierter Wandabsorber wird abgesaugt und bleibt sonst über Jahre unverändert. Der Vorhang ist die flexiblere, aber nicht die pflegeärmere Lösung.
Was in die Ausschreibung gehört
- Flächengewicht in g/m² und Aufbau (ein- oder mehrlagig) angeben lassen.
- αw nach DIN EN ISO 11654 mit Prüfbericht – ohne Prüfbericht ist der Wert eine Behauptung.
- Prüfaufbau zum αw-Wert abfragen: mit welchem Wandabstand und welcher Mehrweite gemessen wurde.
- Montageabstand zur Wand als Maß festlegen, nicht dem Monteur überlassen.
- Mehrweite als Faktor festlegen und im Aufmaß gegenrechnen.
- Brandklasse und Zuordnung zum Brandschutzkonzept schriftlich bestätigen lassen.
- Ausrüstung: dauerhaft flammhemmend oder nur bis zur ersten Wäsche – ausdrücklich abfragen.
- Reinigungsverfahren und Verhalten des Faltenwurfs nach der Reinigung dokumentieren lassen.
Ein Akustikvorhang ist ein gutes Werkzeug für einen klar umrissenen Zweck: Reflexionen an großen harten Flächen wegnehmen, ohne den Raum baulich zu verändern. Er ersetzt keine Trennwand und keine Kabine. Wo beides zusammenkommt – ein halliger Raum, in dem außerdem vertraulich gesprochen wird –, ist der Vorhang die Ergänzung, nicht die Lösung.
Häufige Fragen
Dämmt ein Akustikvorhang den Schall zum Nachbarraum?
Nein. Ein Vorhang absorbiert Schall im Raum und verkürzt die Nachhallzeit, er dämmt aber nicht. Schalldämmung entsteht aus Masse und dichten Anschlüssen an Boden, Decke und Wand – beides kann ein Textil nicht leisten. Wenn Gespräche im Nachbarraum nicht mehr verständlich sein sollen, braucht es eine Trennwand mit definiertem Schalldämm-Maß oder eine Akustikkabine.
Welches Flächengewicht sollte ein Akustikvorhang haben?
Übliche Dekostoffe liegen im Bereich von etwa 100 bis 200 g/m² und sind akustisch nahezu wirkungslos. Akustisch wirksame Textilien liegen deutlich darüber und sind häufig mehrlagig aufgebaut. Das Flächengewicht allein genügt aber nicht als Auswahlkriterium – entscheidend ist der bewertete Schallabsorptionsgrad αw mit Prüfbericht, und zwar mit Angabe des Prüfaufbaus.
Wie weit sollte ein Akustikvorhang von der Wand entfernt hängen?
Ein poröser Absorber wirkt dort am besten, wo die Luftbewegung am größten ist – im Abstand eines Viertels der Wellenlänge vor der harten Fläche. Bei 500 Hz sind das rund 17 cm, bei 1.000 Hz rund 9 cm, bei 250 Hz rund 34 cm. Ein Vorhang direkt an der Wand wirkt vor allem bei hohen Frequenzen; für den Sprachbereich braucht es Abstand. Vor einer Glasfassade ist er meist ohnehin gegeben.
Was bedeutet Mehrweite bei einem Akustikvorhang?
Die Mehrweite ist das Verhältnis von abgewickelter Stoffbreite zu tatsächlich verhängter Breite. Sie erhöht die wirksame Oberfläche und die Luftvolumina zwischen den Falten und ist damit eine akustische Größe, nicht nur eine gestalterische. Wichtig für den Vergleich von Angeboten: Ein αw-Wert gilt nur für die Mehrweite, mit der er gemessen wurde.
Welche Brandschutzanforderungen gelten für Vorhänge im Büro?
Üblicherweise wird mindestens schwer entflammbar nach DIN 4102-1 (Klasse B1) beziehungsweise die entsprechende Euroklasse nach DIN EN 13501-1 gefordert. Verbindlich ist immer das Brandschutzkonzept des konkreten Objekts. Zusätzlich zu beachten: Vorhänge dürfen Rettungswege nicht einengen und Türen in Fluchtrichtung nicht behindern. Bei nicht dauerhaft ausgerüsteten Textilien kann eine Wäsche die Klassifizierung aufheben.
Vorhang oder Trennwand – was ist die richtige Wahl?
Das hängt daran, ob das Problem im Raum liegt oder zwischen zwei Räumen. Gegen Nachhall und Reflexionen an großen harten Flächen im eigenen Raum ist der Vorhang eine gute und reversible Lösung. Sobald es darum geht, dass Gespräche nicht nach nebenan dringen, führt kein Weg an einer Trennwand mit definiertem Schalldämm-Maß oder einer Akustikkabine vorbei.
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